Daniela Kluckert

Die trügerische Harmonie beim Thema Elektromobilität

Ein Beitrag zur Aufklärung

Eine Trendwende für die Verkehrspolitik

Deutschland ist sich einig. Nach dem Dieselskandal muss der Anteil von E-Autos aufgrund ihrer geringen Emissionswerte schnell steigen. Der Bund wie auch die Länder geben viel Geld in die Förderung und Forschung. Und die hiesige Automobilindustrie erweckt den Eindruck, nicht länger auf der Bremse zu stehen. Auf dem ersten Blick scheint es, als gäbe es eine ganzgesellschaftliche große Koalition pro Elektromobilität. Doch große Koalitionen neigen dazu, die unbequemen Diskussionen zu umschiffen. Dieser Moment der großen Harmonie ist trügerisch. Und ich möchte erklären, wieso.

Die entscheidende Frage lautet: Wie sieht Mobilität von morgen aus? Die deutsche Verkehrspolitik braucht eine Trendwende. Es geht darum, innovative und technologieoffene Methoden, Antriebsformen und Forschung in Deutschland zu beheimaten. Gerade aber im Bereich Elektromobilität hat die deutsche Politik gemeinsam mit der Automobilindustrie zu viel Zeit verstreichen lassen. Nicht nur aufgrund der Umweltdebatte um die scheinbar zu hohen Belastungen unserer Innenstädte mit Stickstoffen. Die Fragen und Herausforderungen, die mit der Elektromobilität einhergehen, betreffen uns alle. Welche Rolle spielt Deutschland als Wirtschaftsstandort in diesem Bereich? Gelingt uns der Sprung zur Mobilität 4.0? Deshalb möchte ich mit diesem Beitrag ein wenig Klarheit schaffen und die Argumente zur E-Mobility aus Sicht der Umwelt, Infrastruktur und Zukunftsfähigkeit ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Der Blick über die Elektromobilität hinaus

Die Elektromobilität hat riesige Potentiale: Mehr Elektromobilität kann den durchschnittlichen Schadstoffausstoß auf unseren Straßen, sowohl im CO2- wie auch im Stickstoffbereich senken. Aber die Diskussion fokussiert sich zu sehr auf PKWs und kurze Strecken. Busse und mittlere bis große Transportfahrzeuge sind die echten Problemfahrzeuge. Weiter herrscht Uneinigkeit, ob E-Autos wegen ihres erhöhten Energiebedarfs Schaden anrichten können. Denn viel Strom wird noch aus fossilen Energieträgern gewonnen. Auch sind die Rohstoffe von E-Batterien nicht nachhaltig in der Produktion, ein Plan für das umweltverträgliche Recycling fehlt ebenso. Synthetische Kraftstoffe könnten diese Probleme umgehen. Für sogenannte E-Fuels wandelt man CO2 zum Rohstoff für synthetisches Benzin um. Allerdings benötigt die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen bislang zu viel Energie. Hier wären Kooperationen mit Ländern denkbar, deren Energieversorgung bislang wenig entwickelt ist. Deutschland hilft beim Ausbau der Energieversorgung und erhält dadurch mehr Energie für die Herstellung umweltschonender Energieträger. Ein Gewinn für alle.

Es wäre ein großer Fehler, allein aufgrund der Panik rund um den Dieselskandal die Elektromobilität als Wundertechnik zu verklären. Um das klarzustellen: Wir brauchen mehr Innovationen im Bereich E-Mobility und mehr Fahrzeuge auf unseren Straßen sollten mit E-Motoren ausgestattet sein. Aber sind wir da auf der richtigen Spur? Der verkehrspolitische Plan der Bundesregierung, wie eine geeignete Ladeinfrastruktur für E-Autos aussehen könnte, war bislang unzulänglich. Lediglich 400 Schnellladestationen sind in Deutschland bis 2020 geplant, laut dem Nationalen Forum Elektromobilität werden aber bis dahin 70.000 öffentliche Ladepunkten und 7.100 Schnellladesäulen gebraucht. Deshalb sind die neuen Pläne von Schwarz-Rot grundsätzlich zu begrüßen. Bis 2020 sollen mindestens 100.000 Ladepunkte für Elektrofahrzeuge zusätzlich zur Verfügung stehen. Der Absichtserklärung müssen aber Taten folgen. Ziele alleine reichen nicht aus, die Umsetzung muss funktionieren. Ein Beispiel: Die Bundesregierung will bis 2020 eine Millionen E-Autos auf den Straßen haben. Die Förderprämie für elektrisch betriebene Autos aber wird vom Konsumenten kaum nachgefragt. Nur 33.318 Förderanträge wurden im März 2018 für reine Elektro-Autos gestellt und die Förderung wurde nur für 24.214 Plug-In-Hybride abgerufen. Alles in allem beanspruchen die Käufer folglich nur zehn Prozent der veranschlagten Fördersumme. Der Fokus auf elektrische Antriebsvarianten wirft zudem Schatten auf andere Alternativen. Im Bereich der Wasserstoffzellen ist Deutschland viel zu ambitionslos. Diese ist bislang zu teuer, könnte aber im Gegensatz zur Elektromobilität höhere Reichweiten für den Lastenverkehr bei gleichzeitigen geringsten Abgaswerten ermöglichen.

Was bedeutet Mobilität?

Mobilität ist weltweit Ausdruck von Freiheit, Unabhängigkeit, Wohlstand, Individualität und Selbstbestimmung. Und der Wirtschaftsstandort Deutschland ist abhängig davon, im Bereich Verkehr, Antriebe und Fortbewegung Innovationsvorreiter zu bleiben. Die Reichweite von E-Antrieben ist aber mit einer durchschnittlichen Reichweite von 240km bislang zu gering. Die Entwicklung der Feststoffbatterie, um die zu leistungsschwache Lithium-Ionen-Batterie zu ersetzen, dauert nach Aussagen der Industrie noch sehr lange. Die Kostenkalkulation der E-Motoren ist zudem anfällig. Insbesondere der steigende Preis von Lithium, das man für die Herstellung der Batterien benötigt, könnte bei entsprechender Nachfrage die Produktion ungemein verteuern. Aber Mobilität muss für jeden zugänglich bleiben. Deshalb dürfen wir uns nicht ausruhen, in Harmonie erstarren und alles auf eine einzige Antriebstechnik setzen. Technologieoffenheit und -neutralität muss den Geist unserer Verkehrspolitik leiten, Förderung muss langfristige Ziele verfolgen.

Was wir jetzt tun sollten

Wir sollten im Bereich E-Mobilität umgehend zweierlei veranlassen: Erstens werden E-Autos erst am Markt Erfolg haben, wenn auch eine entsprechende Infrastruktur geschaffen wird. Diese müssen wir schnell, unbürokratisch und wettbewerbsoffen ermöglichen. Zweitens bedarf es bei der Förderung einen Perspektivwechsel. Nicht der Erwerb von E-Autos, sondern der Betrieb sollte gefördert werden. Und diese Maßnahmen sind nur auf die Elektromobilität gerichtet. Wir brauchen eine ganzheitliche Strategie, die die Digitalisierung, das autonome Fahren und moderne Verkehrsführung beachtet. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Starten wir jetzt mit der Elektromobilität durch!